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"Auf was für Musik stehst du denn so?" Die Frage kam mitten im Spiel. Ich hielt den Ball in meinen aggressiven, p Händen und guckte meine Mitspielerin irritiert an. Wie mich dieses Thema annervte. Ich nahm Anlauf und schleuderte den harten zwischen ihre Augen. Während sie desorientiert vom Spielfeld wankte, murmelte ich irgendwas wie "Ach, fast alles. Radio. Und so." Meine Standartantwort. Eloquenz war schon damals voll mein Ding. Ungefähr genauso wie Musik. Damals, 1851, kurz nach der Reichsgründung muss das gewesen sein, hing das, was du warst, wen du darstelltest, vor allem davon ab, welche Musik du hörtest. Denn du hörtest ja nicht nur eine bestimmte Art von Musik, oh nein, du gehörtest einem Kult an, einem Fankreis, der den anderen Kulten fast rivalisierend gegenüberstand. Jede Woche spurtete man zum Kiosk, um von seinem spärlichen Taschengeld die neue Bravo zu kaufen und diese dann nach Artikeln über die Herzensband zu durchforsten, jene dann liebevoll mit der bunten Bastelschere auszuschneiden und sorgfältig in den knüppeldicken und lächerlich überdekorierten Sammelordner abzuheften. In Klarsichthüllen. Natürlich. Wer stand auf welche Künstler? Wer hatte den geilsten Ordner? Unsere Welt war bezaubernd klein. Die Take-That-Fans gehörten zur Elite (das änderte sich erst schlagartig, als sie bei deren Trennung heulend im Flur zusammenbrachen und wie ein verletztes Wild damit zum Abschuss freigegeben waren), irgendwo in der Mitte waren Caught in the Act und andere Obszönitäten der Popgeschichte, dann kam die Kelly Family und am Schluss, als amöbenhaftes Überbleibsel, DJ Bobo. Dein Musikgeschmack, dein Fan-Ordner, dein Statussymbol. Du bist das, was du hörst. Und ich, knospenhafte vierzehn, mit dem Welthass einer verbitterten Achtzigjährigen, die zwei Weltkriege, sieben Ehemänner und dreiundvierzig Kinder überlebt hatte, konnte mit dem Chart gedöhns der Jugend nicht viel anfangen. Oh, diese Jugend, zu der ich auch noch selbst dazugehörte - was meinem stetig wachsenden Groll auf alles, was atmete, nur in die Hände spielte. Die Lyrics, zumindest die, die ich verstand, waren in der Regel albern und trivial - Put me up put me down, put my feet back on the ground, put me up, feel my heart, and make me happy -, die Klamotten und das Make-Up stets zu grell - aber zumindest letzteres war wohl den Neunzigern geschuldet. Was hört also eine grollende Zwanzigjährige? Deutschrap. Irgendwas mit Wumms, was die Wände zum Beben, das Herz zum Bersten bringt. Etwas, was, wenn man die Kopfhörer aufgesetzt, den Regler voll aufgedreht und die Augen geschlossen hatte, einen mit unbändiger Kraft in andere Welten katapultierte. Fragen Sie mich nicht, wie das kam. Auch wenn ich regelmäßig sonntags in den Bonner Kinderkonzerten saß, wurde Klassik nicht an mich herangeführt. Bis heute empfinde ich für nichts, aber wirklich gar nichts, was ich für Musik empfinde. Sie lässt mich lachen. Weinen. Mich erschaudern. Aber vor allem lässt sie mich mit einer unbeschreiblichen Begeisterung zurück. Es ist eine so innige, tiefe Liebe, das sie nie vergehen und mich überdauern wird. Und dennoch kam es mir nie in den Sinn als Kind oder Heranwachsende dazu zu stehen. Und siehe da.. ich muss immer noch weinen und lächeln.



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